Batteriespeicher: Schlüsseltechnologie der Energiewende?
Warum Speicherung plötzlich genauso wichtig wird wie Erzeugung
Die erste Phase der Energiewende war geprägt von einer einfachen Aufgabe: möglichst viel erneuerbare Energie erzeugen. Die nächste Phase ist komplizierter. Solar- und Windanlagen produzieren Strom nicht zwangsläufig dann, wenn Verbraucher ihn benötigen. Mit jedem zusätzlichen Gigawatt variabler Erzeugung wächst deshalb die Bedeutung einer zweiten Frage: Was geschieht mit der Energie zwischen Erzeugung und Verbrauch? Genau an dieser Stelle kommen Batteriespeicher ins Spiel. Sie könnten sich zu einer der wichtigsten Infrastrukturtechnologien des kommenden Jahrzehnts entwickeln.
Das Problem ist nicht zu wenig Energie – sondern der falsche Zeitpunkt
Photovoltaik produziert typischerweise tagsüber am stärksten. Windenergie folgt Wetterlagen. Stromverbrauch dagegen richtet sich nach Industrieprozessen, Gebäuden, Mobilität und dem Verhalten von Millionen Verbrauchern. Solange variable erneuerbare Energien nur einen kleinen Teil des Systems ausmachen, können konventionelle Kraftwerke diese Schwankungen vergleichsweise einfach ausgleichen. Mit steigenden Anteilen verändert sich diese Logik. Die IEA erwartet für die EU bis 2030 einen Anteil variabler Erneuerbarer von rund 46 % an der Stromerzeugung. Dann wird Flexibilität zu einer eigenen Ressource. Ein Batteriespeicher kann innerhalb kürzester Zeit Energie aufnehmen oder abgeben. Er kann überschüssigen Solarstrom am Nachmittag speichern und am Abend bereitstellen, Lastspitzen reduzieren, Regelenergie bereitstellen oder Netzengpässe entschärfen. Damit löst ein Speicher kein einzelnes Problem. Er kann mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen.
Der globale Ausbau steht erst am Anfang
Die Größenordnung der erwarteten Entwicklung ist erheblich. In ihrem Net-Zero-Szenario geht die Internationale Energieagentur davon aus, dass die weltweite Speicherkapazität bis 2030 auf rund 1.500 GW wachsen müsste. Rund 1.200 GW davon würden auf Batteriespeicher entfallen. Das wäre etwa das Vierzehnfache des Ausgangsniveaus der IEA-Analyse. Gleichzeitig sind die Projektkosten stark gefallen. Nach Angaben der IEA gingen die Kosten für Batteriespeicherprojekte allein 2024 um etwa 40 % auf rund 150 US-Dollar pro Kilowattstunde zurück. Weltweit wurden 2024 etwa 63 GW neue Großbatteriespeicher installiert. Das verändert die Wirtschaftlichkeit. Anwendungen, die vor wenigen Jahren noch kaum darstellbar waren, werden zunehmend investierbar.
Batteriespeicher sind mehr als ein Zusatz zur PV-Anlage
Im gewerblichen Bereich wird häufig zuerst an Eigenverbrauch gedacht. Eine Photovoltaikanlage erzeugt tagsüber Strom. Ein Speicher nimmt Überschüsse auf und erhöht den Anteil der Energie, die ein Unternehmen selbst nutzen kann. Das ist jedoch nur eine mögliche Anwendung. Große Batteriespeicher können Lastspitzen reduzieren und dadurch Leistungspreise beeinflussen. Sie können Strom in günstigen Marktphasen aufnehmen und in teureren Zeitfenstern abgeben. Sie können Leistung für Regelenergiemärkte bereitstellen oder gemeinsam mit Erzeugungsanlagen vermarktet werden. Bei entsprechendem Projekt- und Marktmodell können dadurch mehrere Erlös- beziehungsweise Einsparmechanismen kombiniert werden. Diese sogenannte Revenue Stacking-Logik macht Batteriespeicher wirtschaftlich interessant – erhöht allerdings zugleich die Komplexität der Planung.
Nicht jeder Speicher ist automatisch wirtschaftlich
Der aktuelle Boom sollte deshalb nicht zu der Annahme führen, ein Batteriespeicher sei grundsätzlich eine profitable Investition. Wirtschaftlichkeit hängt stark von Standort, Netzanschluss, Lastprofil, Kapazität, Leistung, Zyklenzahl, Vermarktungsmodell, regulatorischen Anforderungen und zukünftigen Strompreisschwankungen ab. Auch die Dimensionierung ist entscheidend. Ein Speicher mit 10 MW Leistung und 10 MWh Kapazität verhält sich wirtschaftlich vollkommen anders als ein System mit 10 MW und 40 MWh. Leistung beschreibt, wie schnell Energie bereitgestellt werden kann. Kapazität beschreibt, wie lange. Die richtige Kombination ergibt sich deshalb nicht aus der Größe des Grundstücks oder einem Standardprodukt, sondern aus dem geplanten Einsatz. Speicher können auch den Netzausbau ergänzen Eine besonders interessante Rolle haben Batteriespeicher bei Netzengpässen. Sie ersetzen Netzausbau nicht grundsätzlich. Sie können aber zeitweise Belastungen reduzieren, Energie lokal verschieben und dadurch bestimmte Netzinvestitionen ergänzen oder verzögern. Die IEA bezeichnet Batteriespeicher deshalb als eines der vielseitigsten Instrumente für kurzfristige Flexibilität und weist darauf hin, dass sie unter bestimmten Bedingungen den Bedarf an Netzausbau reduzieren oder zeitlich verschieben können. Auch die Europäische Kommission sieht Energiespeicherung als zentralen Bestandteil eines dekarbonisierten EU-Energiesystems.
Der entscheidende Wert heißt Flexibilität
Vielleicht ist deshalb selbst die Frage „Sind Batterien der Bestseller der Zukunft?“ zu eng gestellt. Batteriespeicher verkaufen letztlich keine Energie. Sie verkaufen Zeit und Flexibilität. Und genau diese Eigenschaften werden in einem Energiesystem mit steigenden Anteilen wetterabhängiger Erzeugung immer wertvoller. Je stärker Solar und Wind wachsen, desto größer wird die wirtschaftliche Bedeutung von Technologien, die Energie verschieben können. Deshalb dürfte der Speicherboom kein kurzfristiger Trend sein. Er ist eine logische Konsequenz des Energiesystems, das gerade entsteht.
Aus Erzeugungsprojekten werden Energieplattformen
Für Unternehmen eröffnet das eine neue Perspektive. Ein Energieprojekt muss künftig nicht zwangsläufig nur aus einer PV- oder Windanlage bestehen. Erzeugung, Speicher, Ladeinfrastruktur, Energiemanagement und flexible Verbraucher können gemeinsam geplant werden. Dadurch verändert sich auch die Rolle der Projektentwicklung. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr ausschließlich: Wie viel erneuerbare Energie können wir erzeugen? Sondern: Wie können wir diese Energie möglichst intelligent einsetzen? Batteriespeicher werden darauf nicht immer die einzige Antwort sein. Aber immer häufiger werden sie ein wesentlicher Teil davon sein.

